Vor 25 Jahren – Literaturgeschichten

Frühjahr 1989: Bei Goldmann erscheint Dragons of Autumn Twilight von Margaret Weis und Tracy Hickman unter dem Titel Drachenzwielicht .

Trotz extrem mieser Aufmachung, das Buch fiel schon im Regal des Händlers auseinander und das Coverbild war mit der Schere zugeschnitten, kaufe ich das Buch, weil es das neue “große Ding” aus der AD&D-Welt ist. Die Handlung fesselt mich sofort, ich bin aber verblüfft, dass der Roman mitten in der Handlung endet. Kein Problem, denn Band 2 soll bald folgen und Drachenjäger heißen.

Voller Vorfreude suche ich das kleine klapprige Drehregal im Buchladen ab. Da wo die fantastische Literatur steht, kurz vor der Treppe in den Keller und es kaum Licht gibt. Nicht da. Nachfrage beim Buchhändler. “Nein, gibt es nicht.”

Also gehe ich zum nächsten Buchladen. Das gleiche Spiel, sogar das gleiche Drehregal mit gepressten  und zerknickten Büchern.

Buchladen drei bemüht sich in das VLB zu schauen und stellt fest: “Oh, gibt es ja doch.” Ein paar Tage später halte ich das Buch in den Händen, schlage die ersten Seiten auf und lese “Titel der Originalausgabe: Dragons of Autumn Twilight” ?? Schon wieder?!  Die Handlung wird aber da fortgeführt, wo die von Band I endete. Das Cover ist wieder mit der Schere zugeschnitten und sieht tatsächlich so aus, als sei es nur die andere Hälfte des Covers von Band I.

Meine Neugier ist geweckt und ich rufe einen Freund an, der gerade in London studiert, er solle mal bitte nach dem Buch schauen. Ein paar Tage später die Rückmeldung: Das ist nur ein Buch und von meiner Beschreibung her, hätte man dasOriginal-Cover einfach zerschnitten. Aber der Buchladen, wo er das geprüft hätte, sei total super und die würden auch nach Deutschland versenden. Da seien nur Leute mit Sachverstand und der Laden hätte den Namen “Fobidden Planet“. Sie würden mir jetzt auch einen Katalog zuschicken.

Der erste Katalog erreichte mich und ich war wie erschlagen von der Auswahl an fantastischen Büchern. Tolle Cover und keine barbrüstigen Amazonen in Bonbon-Design (zu dieser Zeit war ein großer Teil der deutschen Cover von Boris Vallejo) und es gab ganze Bücher! Keine zerstückelten Verbrechen.
Bestellung dort ging aber leider nur mit Kreditkarte. Aber ich wollte dort bestellen, unbedingt! Die nahmen mich als Kunden ernst. Am gleichen Tag ging ich zur Sparkasse und besorgte mir eine Kreditkarte, ein mühseliger Prozess zu der Zeit, aber irgendwann hatte ich sie.

Das war dann auch der Tag, an dem mich der deutsche Buchhandel als Kunde verloren hat.

 

Nachtrag: Mir ist bewusst, dass deutsche Übersetzungen länger sind als das Original und es daher zu Problemen beim Seitenumfang und der Bindung kommen kann. Bei Dragonlance wurde diese kritische Grenze aber nie erreicht.

One Comment

  1. […] Vor 25 Jahren – Literaturgeschichten – Cynx berichtet darüber, wie vor 25 Jahren die Suche nach den ersten Bänden der Drachenlanze von Margareth Weis und Tracy Hickman zu einer folgenschweren Entdeckung führte, aufgrund derer er dem deutschen Buchhandel für immer verloren ging. In der Zeit vor dem Internet war es gar nicht so einfach, sich Informationen über die Originalausgaben deutscher Übersetzungen zu beschaffen. Doch wenn man ins Impressum sah, konnte man 1 und 1 zusammenzählen und zu dem Schluss kommen, dass einem ein Buch in zwei Bänden verkauft wurde. Eine damals übliche Praxis in der Fantasyliteratur (heute ist es nicht mehr ganz so extrem). Und wie Cynx auch richtig anmerkt, war die Drachenlanze auch gar nicht so dick. Mir ging es damals ähnlich. Ich musste Mitte der 90er Jahre eine abenteuerliche Quest durch mehrere Buchhandlungen voller feindlich gesinnter oder zumindest verwirrter Buchhüter absolvieren, um alle sechs Bände der Midkemiasaga zusammenzubekommen. Die Drachenlanze habe ich mir dann 98 oder so übers Internet bestellt. Mich hat der deutsche Buchhandel durch die Splittungen zwar nicht ganz verloren, aber gesplittete Bücher kaufe ich mir prinzipiell nur im vollständigen Original. […]

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